Veröffentlicht am März 15, 2024

Die bittere Wahrheit: Viele vermeintlich „nachhaltige“ Entscheidungen in der Mode – von recyceltem Polyester bis zu veganem Leder – sind oft nur cleveres Greenwashing, das die Umweltprobleme sogar verschärfen kann.

  • Recyceltes Polyester setzt oft mehr Mikroplastik frei als neues Material und löst das Müllproblem nicht.
  • Labels wie GOTS sind wertvoll, aber keine Garantie für 100 % Nachhaltigkeit; sie enthalten erlaubte Kompromisse.
  • Der wahre Indikator für Nachhaltigkeit ist nicht der Preis, sondern die Langlebigkeit, gemessen am „Cost-Per-Wear“.

Empfehlung: Ignorieren Sie Marketing-Slogans, fordern Sie radikale Transparenz über die gesamte Lieferkette (bis zur Rohfaser) und investieren Sie in Langlebigkeit statt in kurzlebige Trends.

Sie stehen im Laden, vielleicht scrollen Sie auch nur durch einen Online-Shop. Überall springen Ihnen grüne Etiketten, wohlklingende Versprechen und Bilder von unberührter Natur entgegen. „Recycelt“, „Bio-Baumwolle“, „Vegan“. Der Grüne Knopf verspricht staatlich geprüfte Standards. Es scheint so einfach, das Richtige zu tun. Man greift zu, mit dem guten Gefühl, einen Beitrag für den Planeten zu leisten. Die Industrie hat uns trainiert, auf diese Signale zu achten, sie als Abkürzung für eine bewusste Kaufentscheidung zu sehen.

Doch was, wenn genau diese vermeintlichen Lösungen Teil eines viel größeren Problems sind? Was, wenn das recycelte Polyestershirt in Wahrheit eine Mikroplastik-Schleuder ist und das „vegane“ Leder aus Erdöl besteht und nach zwei Jahren auf dem Müll landet? Die Realität ist, dass die Modeindustrie Meister darin geworden ist, unser schlechtes Gewissen mit oberflächlichen Gesten zu beruhigen. Dieses Phänomen hat einen Namen: Greenwashing. Es ist die Kunst, mehr Geld und Zeit in das Marketing von Nachhaltigkeit zu investieren als in die tatsächliche Umsetzung.

Dieser Artikel ist kein weiterer Wohlfühl-Guide, der Ihnen sagt, Sie sollen einfach auf Siegel achten. Im Gegenteil. Wir werden gemeinsam hinter die Fassade blicken. Als kritische Konsumenten, die in den Straßen von Kreuzberg gelernt haben, Slogans zu misstrauen, werden wir die versteckten Kompromisse aufdecken, die sich hinter den gängigsten „nachhaltigen“ Mythen verbergen. Es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen und die Werkzeuge an die Hand zu bekommen, um echte, langlebige Qualität von einer cleveren Marketing-Lüge zu unterscheiden. Denn wahre Nachhaltigkeit beginnt nicht beim Kauf eines „grünen“ Produkts, sondern bei der radikalen Ablehnung von Intransparenz.

Dieser Leitfaden ist in acht Kernthemen gegliedert, die die häufigsten Fallen und Mythen der nachhaltigen Mode entlarven. Von der Wahrheit über recycelte Materialien bis zur Berechnung der wahren Kosten Ihrer Kleidung erhalten Sie das nötige Rüstzeug, um sich im Siegel-Dschungel zurechtzufinden.

Warum ein „recyceltes“ Polyester-Shirt oft trotzdem umweltschädlich ist?

Es klingt wie die perfekte Lösung: Aus alten Plastikflaschen wird ein neues, modisches T-Shirt. Die Industrie feiert recyceltes Polyester (rPET) als Paradebeispiel für die Kreislaufwirtschaft. Doch hier stoßen wir auf den ersten und vielleicht größten versteckten Kompromiss der nachhaltigen Mode. Das Problem liegt nicht nur im Ursprung des Materials – denn 98 % des rPET stammen aus PET-Flaschen, nicht aus alten Textilien, was das textile Müllproblem in keiner Weise löst –, sondern vor allem in dem, was beim Tragen und Waschen passiert.

Die Realität ist ernüchternd und schockierend. Eine Studie der NGO Changing Markets hat aufgezeigt, dass Kleidung aus recyceltem Polyester beim Waschen oft deutlich mehr Mikroplastik freisetzt als Kleidung aus neuem Polyester. Der Grund: Die mechanisch recycelten Fasern sind kürzer, spröder und brechen leichter. Eine Analyse fand heraus, dass recyceltes Polyester bis zu 55 % mehr Mikroplastikfasern abgeben kann. Diese winzigen Partikel gelangen ins Abwasser, in unsere Flüsse, Meere und letztendlich in unsere Nahrungskette.

Eine Untersuchung von Marken wie Nike, H&M und Zara zeigte dramatische Unterschiede: Ein Kleidungsstück von Nike aus recyceltem Polyester verlor fast viermal so viele Fasern wie eines von H&M und siebenmal so viele wie eines von Zara. Das recycelte Material ist also keine Garantie für Umweltfreundlichkeit, sondern oft nur eine Verschiebung des Problems: von sichtbarem Plastikmüll zu unsichtbarer, aber weitaus gefährlicherer Mikroplastik-Verschmutzung. Es ist ein klassisches Beispiel für Greenwashing, bei dem eine scheinbar grüne Lösung bei genauerem Hinsehen neue, gravierende Probleme schafft.

Wie Sie in 3 Schritten die Herkunft Ihrer Kleidung per App prüfen können?

Das kleine Etikett „Made in Bangladesh“ oder „Made in Turkey“ im Nacken eines T-Shirts ist eine der ältesten Formen der Intransparenz. Es verrät nur den letzten, oft billigsten Schritt der Produktion: das Zusammennähen. Woher die Baumwolle stammt, wo der Stoff gefärbt und gewebt wurde – all das bleibt im Dunkeln. Doch der Ruf nach radikaler Transparenz wird lauter, und neue Technologien sowie Gesetze zwingen die Marken langsam zum Umdenken. Der QR-Code auf dem Etikett wird zum Fenster in die Lieferkette.

Détail macro d'une étiquette textile avec QR code scanné par smartphone

In Ländern wie Frankreich zwingt die Loi AGEC große Unternehmen bereits seit 2024, die gesamte Lieferkette auf der Produktseite online darzustellen. So kann ein Pulli plötzlich eine Weltreise offenbaren: gewebt in China, gefärbt in Spanien, bedruckt in der Türkei und zusammengesetzt in Marokko. Diese Informationen sind Gold wert, denn sie erlauben uns, die wahren sozialen und ökologischen Kosten abzuschätzen. Die entscheidende Frage ist: Wie tief geht die Transparenz? Die meisten Marken zeigen nur die letzte Stufe.

Um die Lieferkette der Modeindustrie zu verstehen, muss man sie in verschiedene Stufen, sogenannte „Tiers“, unterteilen. Diese Struktur zeigt, wie wenig wir wirklich wissen, wie eine aktuelle Analyse der Lieferkettentransparenz verdeutlicht:

Transparenz-Niveaus in der textilen Lieferkette
Niveau (Tier) Beschreibung Transparenz aktueller Marken
Tier 1 Usine d’assemblage final 80% der Marken
Tier 2 Färberei und Veredelung 45% der Marken
Tier 3 Spinnerei und Weberei/Strickerei 25% der Marken
Tier 4 Ursprung der Faser (z.B. Baumwollfarm) < 10% der Marken

Die wahre Herausforderung für uns als Konsumenten besteht darin, Marken zu finden und zu unterstützen, die bereit sind, bis zu Tier 4 transparent zu sein. Apps wie „Good On You“ oder die QR-Codes von Marken wie „Patagonia“ oder „Nudie Jeans“ sind erste Werkzeuge. Doch der beste Ansatz ist, Marken direkt zu konfrontieren: auf Social Media, per E-Mail. Fragen Sie nach der Herkunft, bis Sie eine Antwort bekommen.

Ihr Aktionsplan zur Überprüfung der Markentransparenz

  1. Kontaktpunkte identifizieren: Scannen Sie die Website, Social-Media-Kanäle und Produktetiketten der Marke. Wo wird über Nachhaltigkeit und Herkunft gesprochen? Gibt es einen QR-Code?
  2. Beweise sammeln: Suchen Sie nach konkreten Angaben zu den Lieferkettenstufen (Tier 1-4). Listet die Marke ihre Fabriken (Tier 1)? Gibt sie Auskunft über Färbereien (Tier 2)?
  3. Glaubwürdigkeit prüfen: Vergleichen Sie die Aussagen der Marke mit ihren Zertifizierungen (GOTS, Fair Wear). Widersprechen sich die Informationen oder unterstützen sie sich gegenseitig?
  4. Einzigartigkeit bewerten: Bietet die Marke eine detaillierte Story zu einem Produkt („From farm to closet“) oder nur vage Phrasen wie „ethically sourced“?
  5. Lücken füllen: Stellen Sie gezielte Fragen zu den fehlenden Informationen. Fordern Sie die Marke öffentlich auf, ihre Tier-2- oder Tier-3-Lieferanten offenzulegen.

Kaufen, Mieten oder Tauschen: Welches Modell spart wirklich am meisten CO2?

Angesichts einer schwindelerregenden Überproduktion von laut Greenpeace über 100 Milliarden Kleidungsstücken pro Jahr, stellt sich die radikale Frage: Müssen wir überhaupt noch etwas besitzen? Neue Geschäftsmodelle wie Mieten (Clothing as a Service) oder Tauschplattformen versprechen eine Revolution des Konsums. Doch welches Modell ist wirklich das nachhaltigste? Die Antwort hängt einzig und allein vom Nutzungszweck ab.

Der größte Hebel zur CO2-Reduktion liegt darin, die Produktion neuer Kleidung zu vermeiden. Jedes Mal, wenn ein existierendes Kleidungsstück ein neues ersetzt, ist das ein Gewinn. Doch die Logik hat ihre Tücken. Ein Abendkleid zu mieten, das für einen einzigen Anlass per Kurier quer durch Deutschland geschickt und danach chemisch gereinigt wird, kann eine schlechtere Ökobilanz haben als der Kauf eines Second-Hand-Kleides. Der Schlüssel liegt in der Nutzungsfrequenz und der Logistik.

Der Tausch im Freundeskreis oder über lokale Plattformen ist fast immer die beste Option, da Transportwege und professionelle Reinigung entfallen. Die Miete ist ideal für sehr spezifische, selten genutzte Kleidung – die Skijacke für den einen Urlaub im Jahr, das extravagante Ballkleid. Hier wird die Produktion eines neuen Teils für eine einmalige Nutzung vermieden. Der Kauf hingegen macht dann Sinn, wenn ein Kleidungsstück extrem oft getragen wird. Ein hochwertiges, langlebiges T-Shirt oder eine Jeans, die hunderte Male getragen wird, rechtfertigt ihre Produktion. Hier ist eine einfache Entscheidungshilfe für den Alltag:

  • Tenue de soirée (1-2 Nutzungen/Jahr): Mieten ist hier König. Eine Studie zeigt eine potenzielle CO2-Einsparung von 85 %, da die Produktion eines neuen, selten getragenen Teils vermieden wird.
  • Basics für den Alltag (>100 Nutzungen): Der Kauf eines hochwertigen, langlebigen Produkts ist die sinnvollste Wahl. Die Umweltkosten der Produktion werden über eine lange Lebensdauer „amortisiert“.
  • Trend-Teil (1 Saison): Tauschen im Freundeskreis oder auf lokalen Plattformen. Der ökologische Fußabdruck ist quasi null, da keine neue Produktion und kaum Logistik anfallen.
  • Spezialisierte Sportkleidung: Mieten, um eine neue Sportart zu testen. Kaufen, wenn die Praxis regelmäßig wird und das Material stark beansprucht wird.

Die „Vegan“-Falle: Warum Kunstleder oft schlechter für die Natur ist als echtes Leder?

Das Wort „vegan“ hat in der Lebensmittelwelt eine klar positive Konnotation. Die Modeindustrie hat diesen Begriff geschickt gekapert, um uns eine weitere vermeintlich nachhaltige Alternative zu verkaufen: veganes Leder. Doch hier lauert eine der zynischsten Material-Fallen. Denn in den meisten Fällen ist „veganes Leder“ nur ein Euphemismus für Plastik – oft Polyurethan (PU) oder Polyvinylchlorid (PVC), beides erdölbasierte Kunststoffe.

Comparaison visuelle de différentes matières : cuir animal patiné et alternatives végétales

Die ethische Frage der Tierhaltung ausgeklammert, ist die ökologische Bilanz von konventionellem Kunstleder katastrophal. Während hochwertiges, pflanzlich gegerbtes Leder ein Nebenprodukt der Fleischindustrie sein kann, das bei guter Pflege Jahrzehnte hält und eine wunderschöne Patina entwickelt, ist die Lebensdauer von Kunstleder erbärmlich kurz. Nach nur zwei bis drei Jahren intensiver Nutzung wird die Plastikbeschichtung brüchig, reißt und das Produkt landet unweigerlich auf dem Müll. Dort verbleibt es für Hunderte von Jahren und zerfällt langsam in Mikroplastik.

Das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Es ist ein geplanter Verschleiß, der den schnellen Konsumzyklus der Fast Fashion perfekt bedient. Natürlich gibt es spannende Innovationen wie Leder aus Ananasfasern (Piñatex), Kaktus oder Pilzen. Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Viele dieser Materialien sind nicht zu 100 % biologisch abbaubar und benötigen eine Trägerschicht oder Beschichtung aus Kunststoff, um haltbar zu sein. Die Entscheidung ist also nicht einfach zwischen „gutem“ Vegan-Leder und „bösem“ Tierleder. Es ist eine komplexe Abwägung zwischen Langlebigkeit, Herkunft und Materialzusammensetzung. Ein altes, gut gepflegtes Lederprodukt aus zweiter Hand ist fast immer nachhaltiger als ein neues „veganes“ Produkt aus Plastik.

Wann lohnt sich die Reparatur eines Kleidungsstücks finanziell nicht mehr?

In einer Welt, die von 5-Euro-T-Shirts dominiert wird, erscheint die Reparatur eines Kleidungsstücks oft als anachronistisch oder finanziell unsinnig. Warum 15 Euro für eine neue Sohle ausgeben, wenn ein neues Paar Schuhe kaum mehr kostet? Diese Logik ist der Motor der Wegwerfgesellschaft. Doch ein Umdenken findet statt: Reparieren ist nicht nur ein ökologischer Akt, sondern oft auch eine kluge finanzielle Entscheidung, wenn man die richtigen Kriterien anlegt.

Experten für nachhaltige Textilien schlagen eine einfache Faustregel vor: die 50%-Regel. Eine Reparatur ist finanziell sinnvoll, solange die Kosten dafür nicht mehr als 50 % des Preises eines qualitativ gleichwertigen, neuen Produkts betragen. Diese Regel zwingt uns, den wahren Wert eines Artikels zu betrachten, nicht seinen ursprünglichen Billigpreis. Ein hochwertiger Mantel für 400 €, dessen Reißverschluss für 40 € ersetzt wird, ist ein exzellentes Geschäft. Ein Fast-Fashion-Kleid für 20 €, dessen Naht für 15 € repariert werden muss, ist es hingegen nicht.

Doch die rein finanzielle Rechnung greift zu kurz. Die Entscheidung für oder gegen eine Reparatur sollte mehrere Faktoren einbeziehen. Manchmal ist der emotionale Wert eines Erbstücks oder eines geliebten Kleidungsstücks unbezahlbar. In anderen Fällen kann eine sichtbare Reparatur, das sogenannte „Visible Mending“, zu einem ästhetischen Statement werden, das die Geschichte des Kleidungsstücks feiert. Die folgende Checkliste hilft bei der Entscheidung:

  • Kosten-Nutzen-Analyse: Vergleichen Sie die Reparaturkosten mit 50 % des Neupreises eines vergleichbar hochwertigen Produkts.
  • Emotionale Wertigkeit: Ist das Kleidungsstück ein Erbstück, ein Souvenir oder mit besonderen Erinnerungen verbunden? Dieser Wert lässt sich nicht in Geld aufwiegen.
  • Ästhetisches Potenzial: Könnte die Reparatur sichtbar und kunstvoll gestaltet werden (Visible Mending)? Eine geflickte Jeans kann mehr Charakter haben als eine neue.
  • Upcycling-Alternative: Wenn eine Reparatur nicht mehr sinnvoll ist, kann das Kleidungsstück zu etwas Neuem umfunktioniert werden (z.B. aus einem Hemd eine Tasche nähen) oder als Materialspender für andere Reparaturen dienen?

Wie viel Prozent „Bio“ muss enthalten sein, um ein Siegel zu bekommen?

Im Dschungel der Nachhaltigkeitssiegel wirken Labels wie GOTS (Global Organic Textile Standard) wie ein sicherer Hafen. Sie versprechen Kontrolle, Standards und ein gutes Gewissen. Doch selbst die besten Siegel sind das Ergebnis von Verhandlungen und Kompromissen. Die Annahme, ein GOTS-Label bedeute automatisch „100 % Bio, 100 % fair, 100 % schadstofffrei“, ist eine gefährliche Siegel-Illusion. Die Wahrheit liegt im Kleingedruckten.

GOTS ist zweifellos einer der strengsten und umfassendsten Standards weltweit. Er deckt nicht nur den Bio-Anteil ab, sondern auch soziale Kriterien in der Produktion und den Ausschluss von schädlichen Chemikalien. Aber GOTS ist nicht gleich GOTS. Es gibt zwei Stufen: Die Label-Stufe „organic“ verlangt, dass mindestens 95 % der Fasern aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. Die restlichen 5 % dürfen konventionelle oder sogar synthetische Fasern wie Elasthan sein. Die niedrigere Stufe „made with organic materials“ erfordert nur einen Bio-Anteil von 70-94 %. Das bedeutet, bis zu 30 % des Materials können konventionell angebaut sein. Ein anderes, oft gesehenes Siegel, OCS (Organic Content Standard), ist noch weniger aussagekräftig. Es zertifiziert lediglich den prozentualen Bio-Anteil, macht aber keinerlei Aussagen über soziale Bedingungen oder den Einsatz von Chemikalien in der Weiterverarbeitung.

Der folgende Vergleich zeigt die entscheidenden Unterschiede, die man als kritischer Konsument kennen muss:

Vergleich der Bio-Textillabel GOTS vs. OCS
Label % Bio-Anteil Minimum Abgedeckte Kriterien Was NICHT garantiert wird
GOTS ‚organic‘ >95% Bio + Sozialkriterien + Chemikalien Bis zu 5% können synthetisch sein
GOTS ‚made with‘ 70-94% Bio + Sozialkriterien + Chemikalien Bis zu 30% können konventionell sein
OCS 100 >95% Nur der Bio-Anteil Soziale & chemische Kriterien
OCS Blended 5-94% Nur der Bio-Anteil Gesamter ökologischer Fußabdruck

Selbst das höchste GOTS-Siegel hat also seine Grenzen, wie auch die Zertifizierungsstelle Ecocert in ihrer Dokumentation festhält. Die genaue Herkunft des Rohstoffs oder die komplette Abwesenheit von Kunstfasern wird nicht garantiert. Wie Ecocert es formuliert:

Die GOTS-Zertifizierung garantiert, dass das Textil keine schädlichen Substanzen enthält und hohe soziale Standards respektiert. Aber sie garantiert weder die genaue Herkunft der Baumwolle noch die völlige Abwesenheit von synthetischen Materialien.

– Ecocert, Offizielle GOTS-Dokumentation

Das Schrumpf-Risiko: Warum günstige Viskose oft eine Größe kleiner aus der Maschine kommt?

Viskose, auch bekannt als Rayon, wird oft als nachhaltige Alternative zu Baumwolle oder synthetischen Fasern vermarktet. Sie wird aus Holz-Zellulose hergestellt, ist also pflanzlichen Ursprungs und biologisch abbaubar. Doch auch hier verbirgt sich eine Material-Falle, die jeder schon einmal frustriert erlebt hat: Das neue Lieblingsteil aus Viskose passt nach der ersten Wäsche plötzlich nicht mehr. Es ist um eine ganze Größe geschrumpft. Dies ist kein Zufall, sondern eine direkte Folge des Herstellungsprozesses billiger Viskose.

Bei der konventionellen Viskose-Produktion werden die Zellulosefasern chemisch aufbereitet. Die resultierende Faserstruktur ist instabil und neigt dazu, bei Kontakt mit Wasser stark aufzuquellen. Beim Trocknen ziehen sich die Fasern dann unkontrolliert und oft ungleichmäßig zusammen – das Kleidungsstück schrumpft. Hochwertigere und modernere Zellulosefasern wie Lyocell (bekannt unter dem Markennamen Tencel™) oder Modal werden in einem geschlossenen Kreislaufsystem mit weniger aggressiven Chemikalien hergestellt. Ihre molekulare Struktur ist stabiler, was sie deutlich resistenter gegen Schrumpfen und Pilling (Knötchenbildung) macht.

Der Griff zu billiger Viskose ist daher eine klassische „false economy“: Man spart beim Kauf, verliert aber durch die mangelnde Langlebigkeit und den Frust über die verlorene Passform. Ein Kleidungsstück, das nach der ersten Wäsche nicht mehr tragbar ist, hat den denkbar schlechtesten ökologischen Fußabdruck. Sollte das Malheur dennoch passiert sein, gibt es einen Rettungsversuch, der manchmal funktioniert:

  1. Füllen Sie ein Waschbecken mit lauwarmem Wasser (maximal 30°C).
  2. Fügen Sie zwei Esslöffel einer handelsüblichen Haarspülung hinzu und lösen Sie diese auf.
  3. Lassen Sie das Kleidungsstück für etwa 15 Minuten einweichen. Die Spülung hilft, die Fasern zu entspannen.
  4. Drücken Sie das Wasser sanft aus (nicht wringen!) und legen Sie das Teil flach auf ein großes Frotteehandtuch.
  5. Ziehen Sie das Kleidungsstück vorsichtig und gleichmäßig in seine ursprüngliche Form und Größe. Bei Bedarf können Sie es am Rand mit Nadeln auf dem Handtuch fixieren und flach an der Luft trocknen lassen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Recyceltes Polyester ist nicht die Lösung, sondern oft Teil des Mikroplastik-Problems.
  • Echte Transparenz geht über „Made in“ hinaus und erfordert die Rückverfolgung bis zur Rohfaser (Tier 4).
  • Der „Cost-Per-Wear“ ist die entscheidende Kennzahl, um den wahren Wert eines Kleidungsstücks zu bemessen, nicht der Kaufpreis.

Cost-Per-Wear Prinzip: Warum ein 100€ T-Shirt günstiger sein kann als zehn für 10€?

Wir sind darauf konditioniert, auf den Preis zu schauen. Ein T-Shirt für 10 € fühlt sich wie ein Schnäppchen an, eines für 100 € wie Luxus oder Verschwendung. Doch diese Perspektive ist der Kern des Fast-Fashion-Problems. Um aus der Greenwashing-Falle auszubrechen, müssen wir unsere Denkweise radikal ändern und ein einfaches, aber revolutionäres Konzept anwenden: das Cost-Per-Wear (CPW) Prinzip. Es berechnet nicht, was ein Kleidungsstück beim Kauf kostet, sondern was es pro Tragevorgang kostet.

Vue minimaliste d'un dressing épuré avec peu de vêtements de qualité

Die Formel ist denkbar einfach: Kaufpreis / Anzahl der Tragevorgänge = Cost-Per-Wear. Plötzlich verschiebt sich die gesamte Logik. Das billige T-Shirt, dessen Form nach fünf Wäschen verzogen ist und dessen Farbe verblasst, wird zum teuersten Gegenstand im Schrank. Das hochwertige, teurere T-Shirt, das jahrelang hält und immer besser aussieht, wird zum eigentlichen Schnäppchen. Diese Berechnung ist das stärkste Argument gegen die Wegwerfmentalität.

Betrachten wir ein konkretes Beispiel, das die Macht des CPW-Prinzips verdeutlicht:

Cost-Per-Wear-Berechnung: Premium vs. Fast Fashion
Kriterium T-Shirt für 100€ 10 T-Shirts für je 10€
Gesamtpreis 100€ 100€
Lebensdauer 5 Jahre jeweils 6 Monate
Anzahl der Tragevorgänge 200 Mal jeweils 20 Mal
Kosten pro Tragevorgang 0,50€ 5€
Entsorgungskosten Vernachlässigbar Hoher ökologischer Impact

Das Ergebnis ist eindeutig: Das Fast-Fashion-Modell ist pro Nutzung zehnmal teurer. Hinzu kommen die nicht eingepreisten externen Kosten: der Müllberg, der Wasserverbrauch, die CO2-Emissionen für die ständige Neuproduktion und der ethische Preis der Ausbeutung. Das CPW-Prinzip ist mehr als nur eine Rechenformel; es ist eine Philosophie. Es zwingt uns, in Langlebigkeit, Qualität und zeitloses Design zu investieren statt in kurzlebige Trends. Es ist das ultimative Werkzeug, um den wahren Wert von Kleidung zu erkennen und sich vom Diktat des Preisschilds zu befreien.

Beginnen Sie noch heute damit, bei jedem Kauf den „Cost-Per-Wear“ zu berechnen und von Marken radikale Transparenz einzufordern. Ihr Geldbeutel und der Planet werden es Ihnen danken.

Geschrieben von Lukas Richter, Textilingenieur und Experte für nachhaltige Mode mit 15 Jahren Erfahrung in der Materialforschung und Qualitätsprüfung. Er ist spezialisiert auf die Analyse von Stoffzusammensetzungen, die Erkennung von Greenwashing und die Pflege historischer Textilien.